Pressemitteilung
„Auf der Schiene liesse sich viel mehr machen“

Ein schlechtes Zeugnis stellt Hans-Jörg Bertschi den Staatsbahnen sowie dem Liberalisierungsprozeß des Schienenverkehrs in Europa aus. Sein Unternehmen, die Bertschi AG, könnte bei weitem mehr per Bahn befördern, ist sich der Schweizer Unternehmen sicher und führt als ein Beispiel die jüngste Offensive in Österreich an.

Daß er sein Geschäft aus dem kleinen Finger heraus beherrscht und die Strukturen und Aktivitäten des von ihm geführten Unternehmens bis in die Details kennt, wird einem im Gespräch mit Hans-Jörg Bertschi schon nach wenigen Minuten bewußt. Selbstverständlich ist das nicht! Immerhin handelt es sich bei der in Dürrenäsch in der Schweiz ansässigen Gruppe nach übereinstimmender Meinung vieler Branchenkenner um den derzeit größten europäischen Player im Bereich des intermodalen Chemietransportes. 1.200 Mitarbeiter führt das 1956 gegründete Familienunternehmen aktuell auf der Payroll. Der Jahresumsatz des mit knapp 25 Standorten in ganz Europa vertretenen Dienstleisters beläuft sich auf umgerechnet rund 250 Mio. Euro. Auch was die Transport- und Lademittel anbelangt, vermag die Bertschi AG mit beeindruckenden Zahlenwerten aufzuwarten: Derzeit verfügt die Schweizer Gruppe insgesamt über nicht weniger als 5.100 eigene Container, für deren Beförderung in ganz Europa in etwa 900 Trucking-Fahrzeuge bereitstehen. „Lassen sie sich von der hohen Zahl an Lkw bitte nicht täuschen. Unsere Spezialität ist der intermodale Transport, insbesondere unter Einbindung der Bahn“, warnt Firmenchef Bertschi. Man habe ein Standortnetzwerk aufgebaut, das sich von Lissabon bis zum Ural und von Finnland bis nach Gibraltar erstrecke, erklärt der Schweizer Unternehmer sachlich. „An so gut wie allen Stationen betreiben wir einen Containerpark, sind zudem Lkw stationiert, welche die Vor- und Nachläufe der Boxen vom Absender zum Terminal oder vom Terminal zum Empfänger abwickeln“, erläutert Bertschi das Grundschema der Aktivitäten in einfachen Worten. In Zahlen dargestellt befördert die Firma Bertschi nur 30 Prozent des ihr überantworteten Substrates im reinen Straßenverkehr, 60 Prozent entfallen auf intermodale Lösungen unter Einbindung der Schiene. Bei den übrigen 10 Prozent handelt es sich um Transportketten, in deren Mittelpunkt Short- Sea-Verschiffungen stehen. „Diese Art der Abwicklung gewinnt für uns stetig an Bedeutung“, merkt Bertschi an. Man habe bereits die Verkehre von der Iberischen Halbinsel von/nach Italien sowie jene zwischen den Benelux-Ländern und Nordspanien und die Abwicklungen von und nach Rußland auf den Seetransport umgestellt. „Der Short- Sea-Verkehr hat noch jede Menge Kapazitäten offen. Er ist kostengünstig und zuverlässig. Wir werden diese Transportform in jedem Fall weiter forcieren“, kündigt Bertschi mit dem Brustton der Überzeugung an.

Chemische Produkte in loser Form haben es der Bertschi AG seit jeher angetan. 60 Prozent davon befördert man im Auftrag renommierter Konzerne wie beispielsweise BASF, Dow Chemicals, BP, Shell oder Bayer in flüssiger Form, der verbleibende Rest geht als Silo-Ladung auf die Reise. Erwähnenswert erscheint Firmenchef Hans- Jörg Bertschi neben dem Hinweis, daß sein Haus durch den Einsatz eigener Trucking- Fahrzeuge in ganz Europa sowohl die Qualitäts- als auch die Sicherheitsvorgaben der Kunden optimal erfüllen könne, außerdem die Tatsache, daß der Service der Bertschi- Gruppe bei weitem über den reinen Transport hinaus reicht. „Wir verstehen uns auch als Logistikdienstleister, der seine Kunden entweder nur berät oder vor Ort in den Werken tätig wird“, so Bertschi. Für einige prominente Versender habe man als erster und in dieser Hinsicht wohl konsequentester Akteur in Europa Lagerkapazitäten in Form von Containern aufgebaut. Die Boxen als solche dienen neben der Vorhaltung der Kundenprodukte auch als Behältnis für die weitere Distribution in Europa. „In mehreren Werken unserer Auftraggeber haben wir mit eigenen Investitionen Bahnterminals aufgebaut und so Vor- oder Nachläufe auf der Straße überflüssig gemacht. Natürlich nutzen wir diese Terminals auch für Drittkunden, anders würden sich solche Engagements nicht rechnen“, stellt Bertschi klar. Als Beispiele nennt der Schweizer das BASF-Werk in Schwarzheide, den Standort von Dow Chemicals in Stade sowie ein Produktionswerk von Shell Chemicals in Middlesbrough.

Dürfte Hans-Jörg Bertschi einen Wunsch an die Verkehrspolitik in Europa richten, so wäre es der nach einer rascheren Liberalisierung des Schienenmarktes. „Wir sind mit den Staatsbahnen nicht zufrieden und sehen vor allem die Öffnung des Bahnmarktes in vielen Ländern nicht umgesetzt. In Deutschland, Österreich und der Schweiz beispielsweise ist bereits einiges passiert, Italien steht in den Startlöchern, in Belgien, Frankreich, und Spanien hingegen läßt sich überhaupt kein Fortschritt erkennen“, moniert der Unternehmer. Die Bertschi-Gruppe hat immerhin einen teilweisen Ausweg aus diesem europäischen Dilemma gefunden, und zwar in Form der 25-Prozent-Beteiligung am privaten Bahnunternehmen Rail4Chem. Speziell in Deutschland habe man in jüngerer Vergangenheit erhebliche Volumina via Rail4Chem von der Straße auf die Schiene verlagert, will Bertschi nicht unerwähnt lassen. Und, so merkt er weiter an: „Es ließen sich bei weitem größere Mengen auf der Bahn befördern, davon bin ich überzeugt. Leider ist bei den Staatsbahnen von Reformwillen oft noch wenig zu spüren und wir wickeln nun einmal nach wie vor den Hauptteil unseres Aufkommens mit staatlichen Traktionären ab.“

Bei weitem mehr glaubt die Bertschi-Organisation mittelfristig auch in Österreich bewegen zu können. Man sei derzeit dabei, die Strukturen in der Alpenrepublik deutlich zu erweitern, verrät Hans-Jörg Bertschi zu diesem Thema. Bislang mit einer Niederlassung in Wien vertreten, die als Anlaufpunkt für Zugsverkehre sowie als Drehscheibe für die Verteilung von Containern auf der Straße fungiert, bedient das Schweizer Transport- und Logistikunternehmen seit wenigen Wochen auch das Cargo Center Graz sowie den Terminal Wels direkt per Bahn. Als Grund für den Ausbau der intermodalen Strukturen im Verkehr mit Österreich nennt Bertschi die Einführung der Lkw-Maut in Österreich und bald auch in Deutschland. „Vor allem ab dem Ruhrgebiet wollen wir unsere intermodalen Aktivitäten bei den Transporten nach Österreich weiter erhöhen. Basis dafür sind die Zugverbindungen von Rail4Chem und der österreichischen Privatbahn LTE“, merkt er weiters an. Aber auch die EU-Osterweiterung rückt Österreich stärker ins Bewußtsein der Bertschi-Gruppe. „Natürlich ist uns nicht entgangen, daß Wien eine ideale Drehscheibe für die Bedienung der Region Ost-Slowakei sowie Ost-Ungarn darstellt. Diesen geographischen Vorteil werden wir uns zunutze machen“, so Hans-Jörg Bertschi abschließend. Im Verlauf der kommenden Jahre plant der Transportunternehmer aus Dürrenäsch in jedem Fall, den Marktanteil seines Unternehmens in Österreich deutlich zu erhöhen.

Quelle:
Österreichische Verkehrszeitung
Heft 28/2004, 9. Juli 2004
Seiten 14 und 15
Autor: Wolfgang Schmid